Der Fischer und der Manager
In einem kleinen und abgelegenen Küstendorf lebt ein Fischer mit seiner Familie. Jeden Vormittag fährt er mit einem kleinen, alten Boot raus auf das offene Meer, um Fische zu fangen. Ein paar verkauft er an die Restaurants im Ort, die anderen verspeist er am Abend mit seiner Frau und seinen Söhnen selbst. Eines Tages besucht ein reicher Manager das Dorf, um das, was er unter Ferien versteht, dort zu verbringen. Zwei Tage hockt er mit Laptop, Tablet und Smartphone am Hafen und beobachtet mitleidsvoll, wie der Fischer mit seinem spärlichen Fang von seiner Tour zurückkehrt. Am dritten Tag fragt der Manager: „Du hast so wenige Fische in deinem Netz. Wie lange warst du heute unterwegs?“ Der Fischer antwortet: „Nur ein gutes Stündchen, der Fang reicht mir, wir kommen damit über die Runden.“
Der Manager wundert sich und fragt: „Was machst du sonst den ganzen Tag?“ Der Fischer entgegnet: „Meistens schlafe ich bis acht. Ich spiele mit meinen Kindern, lese in einem Buch oder in der Zeitung. Später halte ich Siesta, trinke einen Espresso mit meiner Frau oder treffe mich mit Freunden aus dem Dorf. Meistens spielen wir Skat oder Schach. Am Abend sitze ich mit der Familie am Strand. Wir entzünden ein Feuer, grillen den köstlichen Fisch. Wir beobachten, wie die Sonne am Horizont im Meer versinkt und jeder erzählt, was ihn gerade bewegt. Dann philosophieren wir über Gott und die Welt.” Der Fischer sagt mit leuchtenden Augen: „Du siehst: Ich habe viel Freude in meinem Leben. Ist das nicht herrlich?!“
Der Manager lächelt abfällig und runzelt die Stirn. „Guter Mann, im Leben geht es nicht immer nur um Freude. Wohin kämen wir, würde jeder nur an seinen Spass denken?! Ich führe seit vielen Jahren ein globales Unternehmen mit einigen Tausend Mitarbeitern. Meistens arbeite ich 60 Stunden in der Woche, oft auch mehr. Unsere Aufgabe ist es, Menschen zu erklären, wie sie ihren Umsatz steigern und profitabler wirtschaften können. Spitze deine Ohren, hier kommt mein goldener Tipp für dich:
Jeden Tag musst du viele Stunden auf dem Meer verbringen. Deine Arbeit sollte dir immer das Wichtigste sein! Du solltest noch vor Sonnenaufgang rausfahren, damit du vor allen anderen Fischern da bist. Fange so viele Fische wie möglich. Beliefere damit nicht nur die Gaststätten hier im Ort, sondern alle Restaurants in der Umgebung. Dann wirst du dir bald ein grösseres Boot leisten können und eines Tages sogar mehrere Boote. Du kannst andere Fischer anheuern, die für dich arbeiten werden. So fangt und verkauft ihr immer mehr Fische und erhöht euren Umsatz. Ein Kreislauf des Erfolgs. Eines Tages kannst du damit reich werden!“
Der Fischer schweigt zunächst und überlegt. Dann fragt er: „Was denkst du, wie lange wird dies wohl dauern?“ „Vielleicht 10, 15 oder 20 Jahre. Kommt drauf an, wie hart du arbeitest, wie clever du verhandelst und wie gut du deine Leute im Griff hast“, antwortet der Manager. „Und dann, was passiert dann?“, fragt der Fischer? „Irgendwann wirst du expandieren. Der Vertrieb wird immer stärker wachsen. Je grösser dein Unternehmen wird, desto mehr kleinere werdet ihr vom Markt verdrängen. Du wirst ein richtiger Geschäftsmann mit Anzug und Krawatte. Natürlich musst du dann nicht mehr selbst rausfahren, stattdessen kannst du mit deiner Familie in eine grosse Stadt ziehen und von dort die Prozesse steuern. Wichtig ist nur eines: Du musst immer dein Ziel im Blick behalten. „Und was ist das Ziel?“, fragt der Fischer nachdenklich?
„Das ist doch klar!“, ruft der Manager aufgebracht. „Irgendwann verkaufst du den ganzen Laden und machst dicken Reibach! Wenn alles gut läuft, kannst du Millionen verdienen. Du setzt dich endlich zur Ruhe und beginnst, dein Leben zu geniessen. Vielleicht zieht ihr zurück in ein kleines Dorf. Du schläfst aus, erfreust dich mit deiner Frau an den schönen Seiten des Lebens. Du fährst vielleicht mal ein Stündchen am Tag aufs Meer hinaus, triffst deine Freunde im Ort und zum Sonnenuntergang setzt ihr euch an den Strand, grillt einen Fisch und spielt auf der Gitarre.“
Der Fischer schmunzelt, dann beginnt er, lauthals zu lachen. „Hab’ vielen Dank für deine Beratung. Du hast mich daran erinnert, was für ein wunderbares Leben ich bereits heute führen darf!“
Gedankenkaruessell (Overthinking)
Du grübelst zu viel und bist oft damit beschäftigt, einfach nur nachzudenken. Kreisen deine Gedanken wild im Kopf und dennoch kommst du zu keiner Lösung. Sich ständig im Gedankenkarussell zu befinden macht definitiv unglücklich. Denn es kostet Kraft und Energie und bringt keine Lösung. Und genau das ist ja das gemeine am Grübeln: der Verstand redet einem ein, dass man durch das grübeln eine Lösung finden wird und dadurch Erleichterung eintritt. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Grübeln führt nur noch zu mehr Grübeln.
Wenn du in dieser Falle steckst, dann kannst du Folgendes tun um ihr zu entkommen:
Tue möglichst viele Dinge, die dir Erleichterung verschaffen. Wenn du also das nächste Mal nur in deinem Kopf bist und deine Gedanken hin und her springen, dann tue etwas, was dir gut tut. Zum Beispiel spazieren gehen, Yoga, die Sauna gehen, meditieren oder etwas anderes, was dich aus deinem Kopf raus und in deinen Körper rein führt.
Denn das Grübeln hört auf, wenn du anfängst deine Gefühle wahrzunehmen.
Einmal Nichts tun
Wann hast du zuletzt versucht, einfach mal nichts zu tun?
Nein, damit ist nicht gemeint, auf dem Sofa zu lümmeln und Musik zu hören oder eine Netflix-Serie anzuschauen. Wann hast du wirklich einmal nichts getan? Die meisten von uns fürchten kaum etwas so sehr wie die Langeweile. Unentwegt suchen wir nach neuen Stimulationen und Erlebnissen. Auch der überbordende Medienkonsum trägt zu diesem unstillbaren Erlebnishunger bei. Da es heutzutage immer mehr Unterhaltungsangebote gibt, können wir die Leerlaufphasen auch ziemlich gut vermeiden. Das hat allerdings seinen Preis, denn so verlernen wir, Phasen der Leere hinzunehmen und damit umzugehen. Und das betrifft keineswegs nur die jüngeren Generationen.
Der Begriff Erlebnisgesellschaft trifft es sehr gut. Es zeigt, dass wir unser gesamtes Leben danach ausrichten, möglichst viel zu erleben. Wir sind regelrecht gierig nach immer neuen Reizen. Wir stellen fest, dass wir uns schon während wir einen Film ansehen, Gedanken darüber machen, was wir stattdessen oder als Nächstes anschauen könnten. Auf diese Art und Weise bleiben wir in einem andauernden Erregungskreislauf hängen, in dem wir zwar ständig stimuliert werden, aber keine nachhaltigen Erfahrungen mehr zulassen.
Wir wollen immer mehr. Dieses Bedürfnis hindert uns daran, einen Zustand der Leere zu erreichen. Dabei ist es uns oft ganz egal, ob es um Schokolade, Status- Symbole oder mögliche Süchte geht: Hauptsache, wir stillen unser Verlangen nach Neuem, nach mehr. Dieses zwanghafte Wollen führt allerdings zu einer Art Abhängigkeit, aus der wiederum Leid entsteht. Schliesslich kann unser Verlangen nicht immer gestillt werden. Und wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschen, dann sind wir deprimiert oder enttäuscht.
Wichtig ist nicht immer zu wollen sondern Platz für Leere und echte Freiheit zu schaffen.